Dr. David Hunters sechster Fall beginn mit der eingehenden Beschreibung des Duftes des Todes bzw. der Verwesung. Rückblickend muss ich gestehen, dass der Originaltitel „The Scent of Death“ hier tatsächlich besser gepasst hätte. 

Die Fakten: 

Titel: Die ewigen Toten (Original: The Scent of Death) 
Autor: Simon Beckett
Genre: Thriller
Verlag: Rowohlt Taschenbuch
ISBN: 978-3-499-00095-9, 480 Seiten


Ich habe schon lange keinen Beckett-Roman mehr gelesen, doch der Griff zu diesem Buch geschah fast automatisch, als ich im Buchladen nach neuer Lektüre stöberte. Die Figur des forensischen Anthropologen Dr. David Hunter ist einfach liebenswert, menschlich und vielschichtig, und ich freute mich auf das neue Abenteuer. In dieser Buchreihe stört mich selbst die Ich-Erzählweise nicht. David Hunter ist cool!

Die Inhaltsangabe auf dem Klappentext erzählt kurz und knapp die Ereignisse der ersten Minuten im Buch: In dem verfallenen, zum Abriss freigegebenen ehemaligen Krankenhaus St. Jude in London wird im Dachgeschoss eine mumifizierte Frauenleiche gefunden. Als ein Rechtsmediziner bei der Tatortbegehung durch den baufälligen Boden des Dachgeschosses in einen darunterliegenden, tür- und fensterlosen Raum stürzt, entdecken die Ermittler dort zwei weitere Leichen. 

„Die meisten Menschen finden meinen Beruf vermutlich seltsam, geradezu makaber.“

Im Laufe der Geschichte wird die Hintergrundgeschichte David Hunters kurz wiederholt, was selbst bei eingefleischten Hunter-Fans kein Augenrollen hervorrufen sollte. Kurze Absätze rufen die Vergangenheit zurück und geben der Figur so weitere Tiefe. Hunter wohnt inzwischen mit seiner neuen Freundin Rachel zusammen, einer Meeresbiologin, die er bei einem der letzten Fälle kennengelernt hatte. Gleich zu Beginn dieser Geschichte geht sie jedoch auf eine längere Dienstreise in die Ägäis. So schön es ist, David Hunter wieder in einer Beziehung zu sehen, so fühlte ich mich jedoch dabei ertappt, mich über Rachels Abwesenheit zu freuen. Die Geschichte braucht Hunter pur und allein. Die Vergangenheit holt Hunter immer wieder ein – wie erwähnt, in kurzen Absätzen, mal in Albträumen, mal in Erinnerungen. Auch Grace Strachan, eine Täterin aus einem der letzten Fälle, ist immer noch auf freiem Fuß, und die Gefahr eines erneuten Mordversuches an Hunter wabert durch die Geschichte wie schweres Parfum. 

David Hunter wird mit der Identifizierung der mumifizierten Leiche beauftragt, während ein privates Unternehmen mit der Arbeit an den zwei anderen Toten betraut wird. Hunter lernt hier Daniel Mears kennen, einen jungen, aufstrebenden Kollegen, dessen Talent und Können stark an Hunters Fähigkeiten erinnern. Arroganz („Eigentlich bin ich forensischer Taphonom.“) und fehlende Empathie machen ihn jedoch zu einem unangenehmen Charakter, dem man gut und gerne im Laufe der Ereignisse immer wieder rechts und links ohrfeigen möchte. Mears und die diversen anderen Nebenfiguren der Handlung – Oduya, der Aktivist und Rechtsanwalt, Lola, die schrullige Alte, auf die Hunter zufällig trifft, sowie der Abrissunternehmer Jessop – werden in die Geschichte eingewoben wie ein komplexes Strickmuster eines Pullovers. Masche für Masche ergibt sich ein Mosaik an Verdächtigungen, Irrungen und Wirrungen. 

Gut zwei Drittel des Buches beschäftigen sich mit der Rekonstruktion eines möglichen Tathergangs und -motivs und der medizinischen Identifizierung der Toten. Dabei werden keine Details ausgespart. David Hunters Arbeit ist nichts für schwache Nerven. Trotz der grimmigen Einzelheiten bleiben die Beschreibungen auf eine Art „geschmackvoll“ und werden niemals reißerisch-blutrünstig. Im letzten Drittel der Geschichte kommt Hunter allmählich dem Täter auf die Spur, und es ist genau dieses letzte Drittel, dass an die Nieren geht. Als sich herauskristallisiert, was passiert ist und die unfassbaren Beweggründe ans Licht kommen, bewahrheitet sich die allgemeine, gutgemeinte Warnung, einen Roman von Simon Beckett lieber nur im hellen Tageslicht zu lesen. Die Auflösung des Falls ist bedrückend und bestürzt und hallt nach. Die Abgründe des menschlichen Verstandes sind unfassbar, und Simon Beckett ist und bleibt ein Meister seines Fachs. Klare Leseempfehlung!